Weihnachtspakete für Albanien

Weihnachtspakete für Albanien

Ich bin seit 16 Jahren Pfadfinderin. Wahrscheinlich genauso lange packe ich eigene Weihnachtspakete für Albanien oder versuche, die Caravelles für das Projekt zu motivieren.

Dieses Jahr hatte ich die einmalige Gelegenheit, beim Verteilen der Weihnachtspakete dabei zu sein. Mit vier weiteren Pfadis aus Vorarlberg saß ich am Abend des 04.Dezember – gespannt wie ein Bogen – am Flughafen in Zürich. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine wirkliche Vorstellung davon, was mich in Albanien erwarten würde.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Ljubljana kamen wir kurz nach Mitternacht in Tirana an. Tobi, ein Pfadi-Freund aus Wien, der drei Monate in Albanien verbracht hat, empfing uns dort und wir starteten die ca. 1,5-stündige Fahrt nach Rrëshen, eine Kleinstadt in der Region Mirdita und das Ziel unserer Reise. Neben der Arbeit mit den Skauts – einer RaRo-Rotte mit ungefähr 12 Mitgliedern – vor Ort, stand der Besuch bei mehreren Familien, das Verteilen der Weihnachtspakete in entlegenen Gebieten und Tobis Abschied auf dem Programm. Bei all unseren Aktivitäten wurden wir von den motivierten Pfadfinderinnen und Pfadfindern Rrëshens unterstützt.

Gemeinsam mit Tobi und ein paar seiner Skauts machen wir uns am zweiten Tag unseres Aufenthalts auf den Weg an den Stadtrand, um die dort ansässigen Familien zu besuchen. Wir werden zunächst misstrauisch beäugt. Besuch ist selten in diesem Teil der Stadt. Einige der Pfadfinderinnen und Pfadfinder waren überhaupt noch nie so weit draußen.


Zu viert oder fünft auf ungefähr 13m², der Raum nur mit einem Bett oder einem Diwan ausgestatten, geheizt mit einem kleinen Ofen, auf dem 1-2 Töpfe stehen, mancherorts nicht einmal eine Tür, sondern nur ein Vorhang, der vor der Kälte schützen soll: so sieht die Realität vieler Menschen in Albanien aus. Die Kinder stecken barfuß in ausgelatschten Sandalen und viel zu großen, ausgetragenen Kleidern, die sie von der Karitas zur Verfügung gestellt bekommen. Wir bringen den Kindern Schokolade und den Frauen ein Päckchen mit Kosmetika mit. Mir geht das Herz auf, als ich die Freude über diese für uns so empfundene „Kleinigkeit“ in den Augen der Kleinen sehe. Lange nachdem wir in unser Hotel zurückgekommen sind, unterhalten wir uns noch über die Eindrücke dieses Tages. Die bittere Armut und das schwere Leben in dieser Region treffen mich tief. Am liebsten würden wir alle sofort Pläne schmieden, um die Lage der Menschen Mirditas zu verbessern.


Einen kleinen Beitrag können wir am nächsten Morgen leisten. Um 08:30 treffen wir uns mit sechs Skauts beim Depot der Karitas. Von dort aus starten wir mit etlichen Weihnachtspaketen auf der Ladefläche eines kleinen Lasters in entlegenere Gebiete Mirditas. Über mit Schlaglöchern übersäte, holprige Straßen geht es ca. zwei Stunden durch die Berge in die Bergwerksstadt Kurbnesh. Mir stockt der Atem, als wir in Stadt hineinfahren. Der Weg ist links und rechts von Ruinen gesäumt. Verfallene Häuser und Stollen prägen das Bild. Kurbnesh ähnelt einer Geisterstadt. Der Bergbau kam nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zum Stillstand. Kurbnesh, das einst mehrere tausende Einwohner zählte, ist heute praktisch entvölkert. Die Schule thront auf einem kleinen Hügel über der Stadt, oder über dem, was davon übriggeblieben ist. Wir werden von der Direktorin empfangen und betreten die erste Schulklasse. Als angehende Lehrerin bleibt mir der Mund offen stehen. Im Raum sitzen ungefähr 12 Kinder auf alten Stühlen an alten Tischen aus Vorarlberg, wie wir später erfahren. Vor jedem Kind liegt ein Schulheft oder ein Schulbuch, das auch schon bessere Tage gesehen hat. Die Klassenzimmer werden mit einem kleinen Ofen beheizt, in vielen Räumen fehlt ein Kamin, um den Rauch nach draußen zu leiten. Die Kinder stehen auf, als wir den Raum betreten, viele davon sind zu schüchtern, um uns richtig anzusehen. Die Skauts übersetzen für uns, wir wünschen den Kindern frohe Weihnachten und freuen uns, hier zu sein. Als wir jedem Kind ein Paket geben, werden wir mit großen Augen angesehen. Erst auf das Kommando der Lehrerin hin, öffnen die disziplinierten Schülerinnen und Schüler ihr Paket. Der erste Griff in die Schachtel gilt dem Stofftier, das Vorarlberg Pfadis für sie eingepackt haben. Jungen und Mädchen drücken einen Plüsch-Pinguin oder ein rosa Einhorn mit strahlenden Augen an sich. Es ist unheimlich bewegend, in diesem Moment dabei zu sein. Für mich ist es ein wunderschöner Augenblick, mitzuerleben, welche Freude ein für Vorarlberger Verhältnisse einfach ausgestattetes Paket voller Schulsachen diesen Kindern bereitet. Nach wenigen Minuten müssen wir uns von den Schülerinnen und Schülern verabschieden. Es stehen noch weiter Klassen und Schulen auf dem Programm und wir haben einen straffen Zeitplan. Nach vier Stunden und vier Schulen kommen wir zurück nach Rrëshen. Die Situation der Kinder und Jugendlichen macht mich betroffen und ich brauche eine Weile, um die ganzen Eindrücke zu verarbeiten. Abends im Hotel, schon in meinen warmen Schlafsack gekuschelt, ist mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen, was für eine unglaublich erfüllende Aufgabe ich in Albanien habe. Ich erinnere mich daran, was es für mich heißt, Pfadfinderin zu sein.

Ich verspreche bei meiner Ehre, dass ich mein Bestes tun will, Gott und meinem Land zu dienen, meinen Mitmenschen zu helfen und nach dem Pfadfindergesetz zu leben.

Auszug aus dem Pfadfindergesetz
Verantwortungsbewusstes Leben in der Gemeinschaft: "Der Pfadfinder / Die Pfadfinderin ist treu und hilft, wo er / sie kann."


Nach fünf Tagen muss ich mich von den Skauts in Rrëshen verabschieden. Obwohl ich nur kurz in Albanien war und nur einen winzig kleinen Einblick bekommen habe, werden mir die Pfadis fehlen. Ich habe selbst erlebt, welch wichtigen Beitrag wir leisten, indem die Vorarlberger Pfadfinderinnen und Pfadfinder jedes Jahr aufs Neue Weihnachtspakete für Albanien packen. Schon wegen der strahlenden Kinderaugen und dem kleinen Moment der Freude im sonst so tristen Alltag der Kinder und Jugendlichen, sind die Pakete jeden Cent wert. Ich komme mit neuer Motivation für meine eigene Pfadiarbeit hier in Rankweil aus Albanien zurück und weiß, dass ich Weihnachten heuer in Gedanken an die Familien in Rrëshen verbringen und mich über die kleinen Dinge des Lebens freuen werde.
Ich möchte mich ganz herzlich beim Landesverband der Vorarlberger Pfadfinder/innen und vor allem bei Gitti Krepl bedanken, die es mir möglich gemacht haben, bei der Verteilung der Weihnachtspakete dabei zu sein. Mein ganz persönlicher Dank gilt all den Pfadfinderinnen und Pfadfindern Vorarlbergs, die jedes Jahr ein Weihnachtspaket für die Schülerinnen und Schüler in Albanien packen. Es erfüllt mich mit Stolz, aus einer Pfadfindergruppe zu kommen, die das Projekt seit Jahren unterstützt und dadurch schon so Vielen in Albanien ein Lächeln geschenkt hat. Wir schenken den Kindern und Jugendlichen nämlich nicht nur Schulsachen, sondern einen Glücksmoment. Und das ist wohl das wertvollste Geschenk überhaupt.

Gut Pfad,
eure Ena